Europäische Muslime sehen EU positiver als andere Europäer

Exzellenzcluster Münster untersucht erstmals Einstellung von zugewanderten Muslimen in Europa zur EU – Weit weniger Skepsis als in anderen Gruppen wie Christen und Konfessionslosen – Hintergrund ist Zufriedenheit der Migranten mit der Lebenssituation im europäischen Aufnahmeland – Religion scheint Haltung der Muslime nicht zu beeinflussen – Erfahrung von Diskriminierung aber gefährdet positive Einstellungen

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Muslime in Europa sehen die Europäische Union (EU) nach einer Studie des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster positiver als alle anderen Bevölkerungsgruppen in Europa. „Die Muslime haben im Durchschnitt ein höheres Vertrauen in EU-Institutionen als Mitglieder anderer religiöser oder nicht-religiöser Gruppen wie Christen oder Konfessionslose“, sagt der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Bernd Schlipphak vom Exzellenzcluster. „Von allen untersuchten Gruppen aus 16 europäischen Ländern sind Muslime die einzige, die zum Beispiel ihr Vertrauen in das Europäische Parlament auf einer Skala von 1 bis 10 mit mehr als 5 angeben.

Viel wird derzeit über mangelnde Akzeptanz der EU in weiten Bevölkerungskreisen diskutiert – die muslimisch geprägten Einwanderer der ersten und zweiten Generation gehören dabei mehrheitlich nicht zu den Kritikern.“ Die Ergebnisse stehen aber in Kontrast zur Haltung von Muslimen in arabischen Ländern: „Frühere Studien zeigen, dass nur eine Minderheit der arabischen Bevölkerung die EU positiv einschätzt.

Einer der wichtigsten Gründe für die mehrheitlich positive Einstellung europäischer Muslime ist nach der neuen Studie, dass sie mit ihrer Lebenssituation in der EU zufriedener sind als andere: „Rund 95 Prozent der befragten Muslime sind Migranten der ersten oder zweiten Generation, die ihre neue Lebenssituation mit der im Herkunftsland vergleichen: Sie zeigen mehr Wertschätzung für die wirtschaftliche Situation, die Gesundheitsversorgung und das politische System im Aufnahmeland als Nicht-Zugewanderte“, erläutert Prof. Schlipphak.

„Diese Zufriedenheit mündet in einem hohen Vertrauen gegenüber nationalen Institutionen wie dem Parlament im Aufnahmeland, das sich wiederum auf die EU-Ebene überträgt.“ Neben der Zufriedenheit mit Demokratie, Wirtschaft und Gesundheit wirkt sich der Studie zufolge ein hohes politisches Interesse positiv auf das Vertrauen in die EU-Institutionen aus. „Die Religion dagegen spielt für die Haltung zur EU, anders als angenommen, keine Rolle.“

„Religion ohne Einfluss auf Haltung zur EU“

„Zwar schätzen sich europäische Muslime im Schnitt religiöser ein als andere Europäer“, führt Politikwissenschaftler Mujtaba Isani, Ko-Autor der Studie, aus. „Diese Einschätzung scheint aber weder einen negativen noch einen positiven Einfluss auf ihr Vertrauen in politische Institutionen der nationalen wie EU-Ebene zu haben.“ Mit der Studie knüpfen die Forscher an eine Debatte an, die die Unvereinbarkeit europäischer und islamischer Werte sowie Religiosität als Integrationshindernis diskutiert. So wenig wie die Religion haben das Bildungsniveau, Alter und Geschlecht einen Einfluss auf die Meinung zur EU, wie Schlipphak sagt. „Unsere Studie zeigt: Erfolgreiche Integration führt zu einem höheren Vertrauen in politische Institutionen auf der nationalen wie EU-Ebene. Langfristige Integrationsbemühungen sind unerlässlich, wenn das hohe Niveau des Vertrauens der europäischen Muslime in die EU aufrechterhalten werden soll.“

Bei der Untersuchung handelt es sich um die erste systematisch-empirische Analyse der Einstellungen europäischer Muslime zur EU. Die Forscher haben dafür Daten des European Social Survey (ESS) von 2002 bis 2014 ausgewertet; aktuellere Daten zum Thema der Studie liegen nicht vor. Die Wissenschaftler verglichen die Aussagen von 3.601 europäischen Muslimen mit denen anderer religiöser und nicht-religiöser Gruppen. Von den befragten Muslimen sind 95 Prozent als Migranten in die EU kommen; 71 Prozent sind Migranten der ersten Generation.

„Zuwanderer der zweiten Generation kritischer – Integration stärken“

Die Untersuchung legt nach Einschätzung von Politikwissenschaftler Schlipphak gesellschaftliche Gefahren für die Zukunft offen: „Je ferner die Migrationserfahrung rückt, desto geringer sind die Zufriedenheitswerte.“ So zeigten europäische Muslime der zweiten Einwanderergeneration weniger Vertrauen in die politischen Institutionen des Aufnahmelandes und der EU als europäische Muslime der ersten Generation. Negativ wirke sich auch Diskriminierung auf die Haltung zur EU aus: „Europäische Muslime, die sich diskriminiert fühlen, vertrauen den Institutionen der europäischen Gemeinschaft weniger. Dies ist umso problematischer, als Gefühle der Diskriminierung unter europäischen Muslimen der zweiten Einwanderergeneration stärker verbreitet sind, wie unsere Analysen ergaben.“ Der Politikwissenschaftler empfiehlt vor diesem Hintergrund, „die Integration europäischer Muslime langfristig zu stärken und besonders die Probleme der zweiten Generation in den Blick zu nehmen, um die derzeit mehrheitlich positive Einstellung zu erhalten.“

Die Politikwissenschaftler Bernd Schlipphak und Mujtaba Isani haben ihre Forschungsergebnisse jüngst unter dem Titel „In the European Union we trust: European Muslim attitudes toward the European Union“ (Der Europäischen Union vertrauen wir: Einstellungen europäischer Muslime gegenüber der Europäischen Union) in der renommierten Fachzeitschrift „European Union Politics“ veröffentlicht. Für den zugrunde liegenden European Social Survey (ESS) werden alle zwei Jahre europäische Bürgerinnen und Bürger zu einem breiten Spektrum gesellschaftlicher und politischer Themen befragt. Untersucht wurden die Länder Österreich, Belgien, Dänemark, Finnland, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Irland, Niederlande, Norwegen, Portugal, Slowenien, Spanien, Schweden, Schweiz und Großbritannien. (dak/vvm)

Exzellenzcluster der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster