„Ich war jung und naiv“, antwortet Michael Schultejann lachend auf die Frage nach seinen Anfängen vor sieben Jahren. Schon während seiner Schulzeit wusste der heute 29-Jährige: „Ich möchte mich selbständig machen und in Wettringen bleiben.“ Hierfür hat er früh die Weichen gestellt und nach dem Abitur und der Bäckerlehre direkt den Meister gemacht. Eine Neugründung hätte allerdings zu hohe Investitionen erfordert. Da kam ihm der Zufall zur Hilfe. Von einer Übernahme im klassischen Sinne konnte damals allerdings nicht die Rede sein: „Ich habe meinen Vorgänger gar nicht persönlich gekannt, sondern bei der Schwester des damals verstorbenen Bäckers „angeklopft“ und sie fand es großartig, dass es weitergeht.“
Wie er die zahlreichen Herausforderungen damals innerhalb kurzer Zeit und neben einem Fulltimejob gemeistert hat, ist dem Wettringer heute selbst kaum noch klar. Hilfe erhielt er von der HWK Münster, zum Beispiel beim Erstellen eines Businessplans. „Es hätte viel schief gehen können, ist es aber nicht“, stellt er schmunzelnd fest.
Die Basis war da. Nicht nur auf vorhandene Maschinen konnte Schultejann zurückgreifen, auch die (damals wie heute) 23-köpfige Belegschaft wollte geschlossen weitermachen. Trotzdem war der Neuanfang nicht immer einfach. „Wir mussten erst einmal alle in unsere neuen Rollen hineinwachsen. Das galt sowohl für mich als Chef als auch für die Mitarbeitenden.“ Auch die Preisgestaltung musste auf neue Füße gestellt werden, damit der Laden kostendeckend lief. Alte Kunden gingen verloren, ein neuer Kundenstamm musste aufgebaut werden. Schultejann erinnert sich: „Mit der Meistergründungsprämie habe ich mir einen Anhänger gekauft und bin auf Wochenmärkte gefahren. Heute sind wir mit unseren Wagen auf acht Märkten in der Region vertreten – das bringt etwa die Hälfte des Umsatzes.“
Seit fünf Jahren gehört auch Partnerin Carla Rickershenrich zum Team. Erst als Aushilfe während eines Freiwilligen Sozialen Jahres, heute nach Lehre und Meisterabschluss an der Seite von Schultejann. Als Führungsduo meistern sie alle Herausforderungen gemeinsam: „Wir sind Allrounder, haben aber natürlich unsere Schwerpunkte“, schildert Rickershenrich die Zusammenarbeit. Während sie sich um Strukturen und die IT kümmert, ist Schultejann der kreative Kopf des Unternehmens.
Qualität steht für das Duo an erster Stelle. „Fertigmixe und Backmittel kommen bei uns nicht in die Rührschüssel. Wir verwenden ausschließlich klassische Zutaten und arbeiten nach traditioneller Handwerksweise. Wir sind Bäcker und machen keinen Pfusch“, sagt Schultejann. Neben Klassikern zählen regionale Spezialitäten wie ein Schrotbrot aus heimischen Zutaten zu den Rennern.
Trotz hoher Verantwortung als Selbständige legen beide Wert auf ein Privatleben. Früher blieb Bäckern oft nur wenig Zeit für Familie oder ein regelmäßiges Sozialleben. Eine 7-Tage-Woche ist für Schultejann und Rickershenrich heute passé. Urlaub ist möglich, weil sie sich auf ihr Team und den Rückhalt ihrer Familien verlassen können. „Das ist ein großes Netz, das das mitträgt.“ Wie den zwei Jahre zurückliegenden Umzug ins neue Geschäft. „Wir hatten nur 2,5 Monate Zeit. Das war hart, hat uns aber sehr vorangebracht. Zeitgleich erfolgte die Digitalisierung des Betriebs. Heute sind wir eine der modernsten Bäckereien in der Region“, meint Schultejann. In dieser Phase und auch in den vergangenen drei Jahren nutzten sie regelmäßig Angebote der kreisweiten Wirtschaftsförderung WESt, etwa zu Investitionsmaßnahmen, möglichen Förderungen oder fachlichen Ansprechpartnern. Auch in diesem Jahr gab es bereits einen Austausch, unter anderem im Rahmen einer Sprechstunde zum Thema IT-Sicherheit.
Die Branche wandelt sich – und Schultejann und Rickershenrich gestalten diesen Wandel aktiv mit. Moderne Technik reduziert Nachtarbeit, sie engagieren sich in Prüfungsausschüssen für den Nachwuchs und setzen sich dafür ein, das Berufsbild attraktiver zu machen.
Haben Sie einen Tipp für junge Leute, die sich ebenfalls selbständig machen möchten? „Lasst euch nicht aufhalten mit dem Argument ‚Dafür seid ihr zu jung‘. Unvoreingenommenheit und Mut sind mindestens genauso wichtig wie Vorsicht. Die Jungen können das – und man wächst mit seinen Aufgaben.“