Der Handlungsdruck ist hoch: In Nordrhein-Westfalen stehen in den kommenden zehn Jahren rund 305.000 Familienunternehmen mit etwa 1,8 Millionen Beschäftigten vor einem Generationenwechsel. Gleichzeitig ist die Suche nach einer externen Nachfolge für viele Betriebe schwierig. Diese Entwicklung nahm die WESt zum Anlass, kreisweit zu einer Informationsveranstaltung einzuladen.
Frühzeitige Vorbereitung schafft Handlungsspielraum
Nach der Begrüßung durch WESt-Geschäftsführer Christian Holterhues rückte Wirtschaftsprüfer und Steuerberater Thomas Terhaar von KRP Klaus Ribbert und Partner mbB Steuerberatungsgesellschaft die frühzeitige Gestaltung der Unternehmensnachfolge in den Mittelpunkt. Eine zentrale Frage dabei: Ist das Unternehmen überhaupt übergabefähig? Dafür lohnt der Blick auf mehrere Ebenen. Kann der Betrieb auch ohne die bisherige Inhaberin oder den bisherigen Inhaber Entscheidungen treffen? Sind Ertragskraft und Sondereffekte nachvollziehbar? Sind Kunden-, Lieferanten- und Arbeitsverträge belastbar? Und passen Rechtsform und Vermögensstruktur zur geplanten Übergabe?
Terhaar stellte zugleich unterschiedliche Logiken einer familieninternen Nachfolge und eines Verkaufs gegenüber. Während bei der Übergabe innerhalb der Familie unter anderem Kontinuität, Versorgung und ein fairer Ausgleich zwischen Familienmitgliedern eine Rolle spielen, stehen bei einem Verkauf stärker Kaufpreis, Finanzierung, Garantien und Transaktionssicherheit im Fokus.
Als Ausgangspunkt für die Planung wurden fünf grundlegende Fragen formuliert: Was soll für Familie, Unternehmen und Mitarbeitende erhalten bleiben? Wer kann und will tatsächlich übernehmen? Welche Vermögenswerte gehören zwingend zum Betrieb? Welche finanzielle Absicherung benötigt die abgebende Person nach der Übergabe? Und welche Strukturveränderungen benötigen ausreichend Vorlauf?
Die Botschaft: Zeitdruck reduziert Gestaltungs- und Verhandlungsspielräume. Zu den typischen Stolpersteinen zählen daher ein zu später Start, eine starke Abhängigkeit des Unternehmens von einer einzelnen Person, nicht ausreichend aufbereitete Unternehmenszahlen oder ungeklärte Vermögensstrukturen.
Unternehmensverkauf: Transparenz schafft Sicherheit
Wie sich ein Unternehmensverkauf strukturiert vorbereiten lässt, erläuterte anschließend Gennaro Ippolito, Experte für die rechtliche Begleitung von Unternehmenskäufen und -verkäufen. Dabei wurde deutlich, dass Käufer- und Verkäuferseite mit unterschiedlichen Fragestellungen auf dieselbe Transaktion blicken. Kaufinteressierte wollen unter anderem wissen, welche wirtschaftlichen Risiken sie übernehmen, ob der Kaufpreis finanzierbar ist und ob das Geschäft auch ohne den bisherigen Inhaber stabil funktioniert. Auf Verkäuferseite stehen dagegen Fragen nach Kaufpreis, Sicherheiten, Garantien, Nettoerlös und der eigenen Rolle nach der Übergabe im Vordergrund. Der gemeinsame Nenner: Transparenz erhöht die Transaktionssicherheit.
Als wichtige Erfolgsfaktoren für einen Unternehmensverkauf wurden u. a. eine frühzeitige Vorbereitung, professionelle Finanzinformationen, eine geringere Abhängigkeit vom Inhaber sowie ein stabiles Management und eine zweite Führungsebene herausgestellt. Hinzu kommen die Einbindung geeigneter Fachleute und eine systematische Ansprache potenzieller Käufer. Ein Unternehmensverkauf sei dabei eher als längerfristiger Prozess denn als kurzfristiges Projekt zu verstehen.
Wirtschaftssenioren unterstützen als Mentoren und Lotsen
Mit Walter Steen stellten sich anschließend die Wirtschaftssenioren Osnabrück e. V. und ihr ehrenamtliches Unterstützungsangebot vor. Der Verein bringt die Erfahrung ehemaliger Unternehmer, Führungskräfte sowie Rechts-, Steuer- und Finanzexperten ein und unterstützt insbesondere kleine und mittlere Unternehmen auch bei der Nachfolge. Im Fokus stehen unter anderem Zielklärung, Verkaufsstrategie, Nachfolgersuche sowie Rentabilitäts-, Liquiditäts- und Personalplanung – nach dem Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“. Gemeinsam mit der WESt bieten die Wirtschaftssenioren regelmäßig Nachfolge-Sprechtage mit kostenfreien Einzelgesprächen für Unternehmen an. Weitere Infos: https://www.westmbh.de/events.
Nachfolgeinteressierte stellen sich vor
Dass Unternehmensnachfolge nicht nur aus Sicht der abgebenden Generation betrachtet werden sollte, zeigte ein weiterer Programmpunkt: Zwei Nachfolgeinteressierte stellten sich den Teilnehmenden in kurzen Pitches vor. So berichtete Lucas Veltrup von seinem bisherigen beruflichen Werdegang und dem Ziel, idealerweise gemeinsam mit Robin Pieper ein „gesundes und solides Unternehmen mit Potenzial“ zu finden und dieses vollständig mit eigener operativer Verantwortung zu übernehmen.
Die Übergabe beginnt nicht erst mit der Unterschrift
Den Abschlussimpuls gestaltete Claudia Hoffmann, Mentorin für Unternehmerfamilien, mit dem Blick auf die zwischenmenschliche Seite der Unternehmensnachfolge. Ihr Ansatz: Eine Übergabe findet auf zwei Ebenen statt. Auf der sachlichen Ebene geht es um Strukturen, Eigentum, Verantwortung und Termine. Auf der menschlichen Ebene stehen dagegen Rollen, Erwartungen, Identität und die Fähigkeit zum Loslassen im Mittelpunkt. Gerade diese zweite Ebene benötigt Zeit. Nachfolge sollte deshalb als gemeinsames Projekt verstanden werden: Ziele und Erwartungen müssen frühzeitig ausgesprochen, Rollen und Entscheidungsräume geklärt und Verantwortung schrittweise übertragen werden. Dazu gehört auch, Entscheidungen der nachfolgenden Generation zuzulassen und Lernprozesse auszuhalten.
Beim anschließenden Austausch nutzten die Teilnehmenden die Gelegenheit, mit Experten, anderen Unternehmen sowie regionalen Akteuren ins Gespräch zu kommen.